Dem Thema rechte Gewalt wird heute in der politischen Öffentlichkeit breiter Raum eingeräumt. Rechtsextremismus ist aber nicht nur eine Herausforderung von Staat und Gesellschaft, sondern auch pädagogisches Aufgabenfeld. Der von Christoph Butterwegge und Georg Lohmann herausgegebene Band "Jugend, Rechtextremismus und Gewalt will nicht nur Erkenntnisse über gesellschaftliche Wurzeln, Erscheinungsformen und Agitationsmethoden des Rechtsextremismus vermitteln, sondern enthält darüber hinaus praktisches Material für Unterricht, Schulen und politische Weiterbildung.
Die ersten beiden Kapitel des Buches liefern sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze, stellen gesellschaftliche Hintergründe des Rechtsextremismus dar und versuchen, die Herausforderungen an den Staat und die Gesellschaft offen zu legen.
Die beiden letzten Kapitel setzen sich mit den daraus folgenden Konsequenzen für die pädagogische Praxis auseinander.Christoph Butterwegge sieht in seiner Analyse die Hauptursache des Rechtsextremismus in der verdrängten Geschichte und Vergangenheit. Mit zahlreichen Beispielen untermauert er die These, dass über fast alle Ereignisse, anhand derer gezeigt werden könnte, dass "der Schoß noch fruchtbar" (Bert Brecht) war, der Mantel des Schweigens gelegt wurde. In dem Kapitel "Entschuldigung für Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt?", stellt er verschiedene wissenschaftliche Ansätze vor, unter anderem Heitmeyers Desintegrations- oder Individualisierungsthese, die rechte Jugendliche als "Opfer der Risikogesellschaft" darstellen und zur wissenschaftlichen "Täterentlastung" führen könnten. Eine Untersuchung der Universität Trier kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass rechtsstehende Gewalttäter vorwiegend aus ganz "normalen", keineswegs überdurchschnittlich zerrütteten Familien stammen.K. Peter Fritzsche stellt in seinem Beitrag "Gewalt zwischen Lust und Frust" die sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze rechtsextremer Gewalt vor und weist auf die Schwächen der jeweiligen Ansätze hin. So wird in den wissenschaftlichen Theorien entweder Lust oder Frust als Ursache der rechtsextremen Gewalt gesehen. Die gesellschaftliche Opfertheorie und die subjektorientierte Defizittheorie führen Gewalt auf Frustrationen zurück. Nach der Überlegenheitstheorie werden Fremde aus dem Bewusstsein der eigenen Überlegenheit heraus bekämpft. Gerade weil sich die rechten Skins vielfach als Opfer der Gesellschaft wahrnehmen, so Fritsche, inszensieren sie sich im Gestus der Überlegenheit.
In der Gruppentheorie wird behauptet, dass der Gruppe eine verstärkende Rolle bei der Entstehung von Gewalt zukommt. Gruppenzugehörigkeit hat aber lediglich eine verstärkende Funktion und ist keine hinreichende Bedingung. Erklärungsansätze für die Triebtheorie liefert bereits Siegmund Freud, mit seinen Ausführungen über einen angeborenen Destruktionstrieb. Die Beeinflussungstheorie geht davon aus, dass viele Probleme erst medial konstruiert, reproduziert und inszeniert werden. Dietmar Fricke stellt in seiner Analyse dar, wie rechtsextreme Positionen wieder salonfähig gemacht werden und spricht von der Renaissance des "Nationalen", die sich vor allem in "wohlstandschauvinistischen" Diskursen materialisieren. Als Beispiele führt er Stereotypen an, wie "Das Boot ist voll", die "Standortdebatte" und die "Asyldebatte". Im zweiten Themenkomplex zeigen anhand der Asyldebatte Christoph Butterwegge und Gudrun Hentges auf, wie aus Zuwanderern "Fremde" gemacht werden. In den Medien würden Flüchtlinge durch eine einseitige Berichterstattung ("Negativsyndrom" - Nur böse Ausländer sind eine Nachricht wert) zu "Betrügern", "Sozialschmarotzern" und "Störenfrieden" gestempelt, die den Wohlstand und das friedliche Zusammenleben in der Bundesrepublik gefährden. Die beiden letzten Kapital liefern konkrete Arbeitsmethoden und Hilfestellungen, um mit dem Thema Rechtsextremismus an den Schulen und in der Jugendarbeit umzugehen. Das umfangreiche Material reicht dabei vom "Theater der Unterdrückten" nach Augusto Boal über Workshops zur Zivilcourage. Bemerkenswert an dem Buch ist besonders die Analyse der Entstehung eines rechten Klimas in der Gesellschaft durch Medien und Politik. Die "Bausteine für eine eingreifende pädagogische Praxis" sind das I-Tüpfelchen.
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